Was Kinder aus Strafen lernen

Ein großer Windelhersteller hat vor gar nicht allzu langer Zeit auf seiner Website einen Artikel veröffentlicht, in dem Auszeiten als geeignete Strafe für Kleinkinder dargestellt werden.

Ich finde das absolut haarsträubend!

Strafen – welcher Art auch immer – sind nie und nimmer ein geeignetes Erziehungsmittel. Warum ich das so sehe, erkläre ich im Video (auf das Bild klicken, dann erfolgt die Weiterleitung auf Youtube)

Strafe Kindererziehung Thumbnail

Für alle, die lieber lesen als Videos zu schauen, hier die schriftliche Variante 

Warum ist Strafe aber jetzt so ungeeignet zur Erziehung?

Überlegen wir zuerst – was braucht es denn, damit Strafe funktioniert?

Eine hierarchische Eltern-Kind-Beziehung.

Das heißt im Klartext mächtige Eltern und Kinder, die nichts zu sagen haben. Die Eltern stehen oben und sind verfügen über die Macht, das Kind ist unten in der Hierarchie und machtlos.

Die Mächtigen haben irgendetwas in der Hand, dass sie dem Kind entweder wegnehmen (etwas Angenehmes) oder zufügen (etwas Unangenehmes) können.

Das kann das Fernsehverbot sein, der Entzug von Süßigkeiten oder auch das Verbot zur Party des Freundes zu gehen.

Natürlich, kurzfristig wirst du mit dem Androhen oder auch dem Durchziehen einer solchen Strafe vielleicht einen schnellen Erfolg erzielen! Erfolg bedeutet in dem Fall, du hast dich durchgesetzt.

Aber – und dieses ABER ist hier sehr wichtig:

Eltern, die sich auf Strafe als Erziehungsmethode verlassen, erleben oft ihr blaues Wunder. Spätestens dann, wenn die Kinder in die Pubertät kommen. Einem Dreijährigen kann man ja noch recht locker mit „Nein, du darfst jetzt nicht auf meinen Handy schauen“ unter Druck setzen, einem Vierzehnjährigem nicht mehr!

Das sind dann die Eltern, die klagen: „Mein Gott, früher war er so ein braves Kind! Aber jetzt …“

Ihre einzige Erziehungsmethode hat an Wirkung verloren und Alternative kennen sie keine.

Diesen Eltern gehen ganz einfach die Mittel aus – man müsste immer härtere Strafen einsetzen und das will man dann doch nicht mehr. Plötzlich sind die Eltern die „Machtlosen“ in der Hierarchie.

Die Menschen in der Familie sind in einem solchen System also nicht gleichwertig in der Beziehung und ich denke, das wollen heute viele nicht mehr. Bei meinen treuen Blogleserinnen gehe ich da sogar mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus!

Nun möchte ich aber niemandem, der Strafen einsetzt, ganz grundsätzlich Böses unterstellen. Viele kennen einfach nichts anderes, weil sie selbst in ihrer Kindheit Strafe von ihren Eltern als Erziehungsmethode erlebt haben.

Im Stress greift man auf Dinge zurück, die man eigentlich nie machen wollte, aber aus Mangel an Alternativen dann doch tut. Und dann rutscht einem plötzlich doch ein „Wenn du jetzt nicht, dann …!“ über die Lippen.

Ich gehe davon aus, dass Eltern immer eine gute Absicht haben und ihren Kindern beibringen wollen, dass ein bestimmtes Verhalten in einer bestimmten Situation nicht angemessen war.

Aber ist Strafe dafür eine geeignete Methode? Erzeugt Strafe Einsicht?

Werfen wir doch mal einen Blick in die eigene Biografie: Wahrscheinlich hat jeder von uns irgendwann das System Strafe selbst erlebt hat.

Sei es der Hausarrest als Kind, die Strafarbeit in der Schule oder der Strafzettel fürs Zu-Schnell-Fahren als Erwachsener, …

Hast du bei einer dieser Gelegenheit gedacht „Ja, stimmt, das war jetzt nicht richtig, das mach ich beim nächsten Mal anders. Meine Eltern haben recht, der Polizist, der Lehrer hat recht … gut, dass die mich jetzt darauf aufmerksam gemacht haben.“?

Und selbst wenn du das so gedacht hast, hast du es auch tatsächlich durchgeführt?

Mal ehrlich: was tust du, wenn du beim Autofahren neben der Straße eine Radarbox siehst? Wahrscheinlich steigst du auf die Bremse, oder?

Weil du dir bewusst bist, dass du zu schnell unterwegs bist. Warum fährst du eigentlich zu schnell, wenn du doch die gesetzlichen Bestimmungen kennst und weißt, dass bei deren Überschreitung eine Strafe droht?

Diese Fragen stelle ich gerne in meinen Live-Workshops ? die Antworten sprechen für sich.

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Was mich zur Überzeugung bringt: weder die Kenntnis einer Vorschrift noch das Wissen um eine mögliche Strafe können Fehlverhalten verhindern!

Fast alle Autofahrerinnen wissen „gute Gründe“ vorzubringen, warum sie sich nicht an die eigentlich bekannten Regeln halten.

  • „Da wird ja eh nie kontrolliert!“
  • „Ich hatte es eilig und das war wichtig!“
  • „Die Straße verträgt doch locker 20kmh mehr!“

Ebenso wenig glaube ich, dass man mit Strafe Einsicht in die Sinnhaftigkeit einer aufgestellten Regelung erzeugen kann!

Was passiert denn, wenn wir wissen, dass Strafe droht?

Wir versuchen unsere Spuren zu verwischen, die Taten zu vertuschen – genau so geht es unseren Kindern, sie lernen durch Strafe vor allem folgendes:

  • Zu lügen
  • Zu betrügen
  • Dinge zu verheimlichen
  • Jemand anderen zu beschuldigen
  • Angst vor der Entdeckung zu haben
  • Rache nehmen wollen, weil sie bestraft wurden

Ich glaube nicht, dass Eltern diese Dinge ihren Kindern beibringen wollen, aber genau das tun sie, wenn sie Strafe einsetzen!

Strafe mag vielleicht kurzfristig „funktionieren“, wenn Kinder aus Angst davor das tun, was die Eltern wollen, aber langfristig kommt immer ein negativer Lerneffekt heraus.

Spannenderweise gilt das gleiche für Belohnungen – das System ist dasselbe und somit ist der Einsatz von Belohnung als alleinige Erziehungsmethode langfristig keine gute Idee!

In vielen meiner Blogartikel findest du Alternativen für Alltagssituationen durch die du ohne Belohnung und Strafe besser kommst, und Anregungen, wie du Erziehung auf Augenhöhe leben kannst.

Wenn du raus aus dem System einer hierarchischen Erziehung kommen willst, dann lege ich dir auch folgende Online-Kurse ans Herz:

Fehlverhalten – was Kinder uns damit sagen wollen

Grenzen setzen – und trotzdem bedürfnisorientiert erziehen

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